Historische Landschaftscharakterisierung
Eiderstedt
1. Überblick
2. Geologie und Geographie
3. Landschafts- und Besiedlungsgeschichte
4. Aktuelle Entwicklung und Planung
5. Gesetzliche Aspekte und Raumplanung
6. Anfälligkeiten
7. Möglichkeiten
8. Quellen
|
Name der Landschaftseinheit:
|
Eiderstedt
|
|
Grenzen:
|
Marschenhalbinsel im Süden des Landkreises Nordfriesland. Die Landschaftseinheit grenzt an die Südergosharde im Nordosten, Norderdithmarschen im Süden und Pellworm, Nordstrand und Halligen im Norden. Die Festlandgeest zwischen Rantrum und Schwabstedt und die Flüsse Treene und Eider begrenzen die Landschaft im Osten.
|
|
Größe:
|
ca. 30 x 15 km
|
|
Ort/Lage – Karte
|
Marschenhalbinsel im Süden des Landkreises Nordfriesland, Schleswig-Holstein, Deutschland
|
|
Namensherkunft:
|
Eiderstedt war der Name des östlichsten der drei Verwaltungsgebiete (Harden) der Halbinsel im Mittelalter.
|
|
Beziehungen/Ähnlichkeiten mit anderen Landschaften:
|
- Warftenreihen mit dazugehörigen Feldstreifen (Marschhufensiedlungen) wie in der Haseldorfer Marsch und Dithmarschen
- Mittelalterliche Blockflure wie in der Hattstedtermarsch
- Mittelalterliche und frühneuzeitliche Deiche und kleinteilige Köge wie auf Pellworm
- Verstreut liegende Warftsiedlungen wie in der Wiedingharde, der Bökingharde, in Dithmarschen und auf Pellworm
|
|
Charakteristische Elemente und Einheiten:
|
- Bauernhäuser im Haubarg-Stil mit Gärten
- Hochmittelalterliche Ringdeiche mit Blockfluren und verstreuten Hof- und Dorfwarften
- Mittelalterliche und frühneuzeitliche Deiche und kleinteilige Köge
- Warften- und Hofreihen mit dazugehörigen Feldstreifen
- Hoch- und spätmittelalterliche Kirchen
- künstliche Kanäle für den Transport, auf Prielen basierende Wasserläufe
|
2.1 Allgemein
Das Vordringen der Nordsee nach dem Ende der Eiszeit formte ein System von Ost-West und Nord-Süd ausgerichteten Sandbänken und Dünen im Bereich des heutigen Eiderstedt, welches als Barriere den direkten Einfluss der Nordsee auf das Wattenmeergebiet Nordfrieslands im Norden abschirmte. Auf diese Weise geschützt, formten sich Marschen als Uferwälle entlang der Eider und Moore nördlich der Sandbänke. Nachdem die Sandbarrieren in den ersten Jahrhunderten nach Christus allmählich erodierten, wurden Marschen und Moore überschwemmt. Hinter den Resten der Sandbänke bildete sich daraufhin eine Landschaft, deren inselartige Salzmarschen von Prielen zerteilt wurden. Der Einfluss der Nordsee nahm noch weiter zu, als die schützenden Sandbänke westlich der heutigen nordfriesischen Inseln seit dem 11. Jahrhundert zunehmend den Wellen nachgaben. Im hohen Mittelalter bestand die Gegend des heutigen Eiderstedts zunächst noch aus einigen Marschinseln, die durch den gewundenen Verlauf der Eider im Süden und durch den mächtigen Priel Heverstrom im Norden eingefasst wurden. In den darauf folgenden Jahrhunderten wurden diese Marschinseln allmählich eingedeicht und schließlich durch Deiche verbunden.
2.2 Gegenwärtiges Landschaftsbild
Das niedrige Marschland der Eiderstedter Halbinsel liegt in den östlichen, festlandnahen Kögen unter dem mittleren Tidehochwasser und ist an den höchsten Stellen entlang des Flussufers der Eider nur etwa zwei Meter über dem Meeresspiegel. Die zentralen Dünen sind nicht mehr wahrnehmbar und erreichen kaum diese Höhe. Nur die Dünen vor St. Peter-Ording weisen eine Höhe von über 10 Metern auf. Warften, die als Basis für beinahe alle Siedlungen dienen, wurden bis zu einer Höhe von vier Metern aufgeschüttet. Die Gegend wird gegliedert von einem unregelmäßigen System alter Deiche und von Straßen, die häufig entlang ehemaliger Deiche verlaufen. Diese Gliederung ist am kleinteiligsten in den östlichsten und westlichsten Bereichen. Einige große Kanäle und eine Fülle von kleinen Wassergräben, die ähnlich gewunden sind wie die Deiche, unterteilen das Marschland weiter in kleinere Parzellen von, üblicherweise, Weiden oder, seltener, Äckern. Die Weideflächen zeigen für gewöhnlich noch eine innere Struktur von sich abwechselnden, niedrigen parallelen Aufwölbungen und Gräben (Grüppen). Entlang der Südküste und im Westen herrschen Flurformen aus unregelmäßigen rechteckigen Feldern um verstreute, einzeln liegende Gehöfte, Weiler und Dörfer vor, während in einem Band von der Mitte südlich von Garding zum Osten hin, das Weideland in lange Streifen geteilt ist, die sich an die Hofreihen anschließen (Marschhufensiedlungen). Vor allem nördlichen gibt es größere Felder und einzelne Bauernhöfe, die verstärkt regelmäßig angeordnet sind. Bäume stehen entlang von Straßen und Höfen und verdichten sich nur auf den Dünen von St. Peter-Ording zu Wäldern. Die Gebäude sind üblicherweise mit ein oder zwei Geschossen niedrig und nur in den größeren Dörfern sowie in den Städten Tönning, Garding und St. Peter-Ording ragen einige höher auf. Größere Mehrfamilienhäuser und mehrstöckige Gebäude findet man fast nur in St. Peter-Ording. In der Gegend südlich von Husum gibt es einige Windkraftanlagen. Eine zentrale Straße sowie eine Eisenbahnlinie führt einmal von Ost nach West durch die ganze Länge der Halbinsel. Im Osten von Tönning verläuft die Küsten–Bundesstraße von Nord nach Süd. Vor den westlichen Kögen liegen große Sandbänke, während sich größere Salzmarschflächen überwiegend in der Tümlauer Bucht, südlich von St. Peter-Ording und entlang der Nordküste befinden.
3.1 Vor- und Frühgeschichte, Mittelalter
Einige Siedlungsspuren aus der Stein- und Bronzezeit wurden auf den Sandbänken zwischen Garding und Tating gefunden. Eine sichere Besiedlung kann für das 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. nachgewiesen werden, als sich entlang des Eiderufers ausreichend hohe Marschrücken aufgebaut hatten. An diesen Stellen erbauten Menschen, die von Viehwirtschaft auf den umliegenden, niedrigeren Salzmarschen lebten, ihre Häuser auf flachen Warften. Diese einzelnen Hofwarften wurden in den folgenden Jahrzehnten zu großen Dorfwarften zusammengeschlossen und als Schutz vor dem steigenden Meeresspiegel erhöht. Die Siedlungen wurden im 5. Jahrhundert n. Chr. schließlich dennoch verlassen. Einige dieser Warften, wie z. B. Tofting, Pernör oder Tönning, sind noch entlang der Parzellen erhalten, die bis heute deutlich die Flussbiegungen der Eider zu der Zeit nachvollziehen. Die zentraleren Gebiete Eiderstedts waren größtenteils durch Moore bedeckt. Dort konnten nur Spuren weniger, kurzlebiger Siedlungen auf erhöhten Stellen gefunden werden.

Das Feldsystem nördlich von Tönning zeichnet noch deutlich eine alte Eiderschleife nach. © LVermA-SH
Neue Siedlungen ab dem 8. Jahrhundert n. Chr. werden üblicherweise mit der Immigration von Friesen verbunden. Die Menschen bevorzugten dafür wiederum die erhöhten Ufer der Eider. Dieses Mal jedoch weiter westlich, wie z. B. die Dorfwarften von Elisenhof, Welt und Olversum zeigen. Die inselähnlichen Marschen von Utholm, Westerhever, Osterhever und in der Umgebung von Poppenbüll wurden im 11. und 12. Jahrhundert durch einzelne Hofwarften aus Klei erschlossen, wie beispielsweise Ehst und Medehop (südlich und östlich von Tating), welche sich schon bald zu größeren Weilern oder Dörfern, wie die verlassene Warft von Hundorf südlich von Poppenbüll, verbanden. Sie waren ebenfalls entlang von Prielen oder auf höheren Sandhorsten gelegen, was heutzutage den Eindruck einer eher willkürlichen Anordnung erweckt. Erste, niedrige Ringdeiche kamen schon bald mit der Besiedlung auf, etwa in der Gegend von St. Johanniskoog, Westerhever und Utholm. Diese Ringdeiche integrierten auch frühere Warften, konnten aber eine Überschwemmung der Marschen häufig nicht verhindern. Solch eine Situation ist heute am ehesten von den Halligen bekannt.
a.jpg)
Die Romanische Kirche von Tating aus dem 12. Jahrhundert liegt auf einer Warft und besteht teilweise aus rheinischem Tuffstein.
Die frühesten noch erhaltenen, romanischen Kirchen stammen aus dem 12. Jahrhundert, wie z. B. die einfachen Kirchen auf den Warften von Tating und Tönning, die z. T. aus rheinländischem Tuffstein bestehen. Sogar als die Deiche weiter an Höhe gewannen, wurden die feuchten Marschen nur als Weideland genutzt, wie es auch heute noch häufig üblich ist. Das nährstoffreiche Gras auf dem höheren Marschland wurde gemäht und für den Winter eingelagert. Unregelmäßige Felder mit einer inneren Struktur paralleler Gräben (Grüppen) stammen aus dieser Zeit, wenngleich die Grüppenstrukturen später auch immer wieder verändert wurden Einige ackerbaulichen Aktivitäten fanden auf den sandigen Erhöhungen statt. Die ältesten noch heute bestehenden Wege wurden als erhöhte Trassen aufgehäuft, um die Dörfer und Höfe miteinander zu verbinden. So überlagert beispielsweise die Heerstraße deutlich die frühere Feldereinteilung in Westerhever. Reihen von niedrigen Hofwarften im Osten Eiderstedts, wie Witzwort oder Oldenswort, stammen aus einem späteren Phase, vermutlich aus spätmittelalterlicher Zeit, als die Menschen in der Lage waren, die niedrigen, feuchten Marschen mit verbesserter Technik zu entwässern. Die schmalen und langen Felderstreifen, die durch parallele Gräben geteilt werden und sich im rechten Winkel zu den Hofreihen befinden, sind immer noch typisch für diese Gegend (Marschhufen). Dieses System überlagert etwa die blockartigen Felder bei Die Wisch, südlich von Katharinenherd.
a.jpg)
Grüppen zur Drainage der Fennen im nordöstlichen Eiderstedt.
Die Inseln Utholm und Everschop konnten während des späten 14. und 15. Jahrhunderts durch die schrittweise Eindeichung kleiner Kögen und durch das Abdämmen der trennenden Priele Dank verbesserter Deichbau-Techniken verbunden werden. Zu dieser Zeit wurde der große Priel Nordereider zwischen Eiderstedt und der Festlandgeest bei Rantrum im Osten durch eine Reihe kleiner Köge abgedämmt, nachdem ein langer Deich um die Südermarsch, parallel zur Festlandküste, die Distanz schon verringert hatte. Diese niedrigen und daher feuchten Marschgebiete im Osten blieben bis in die Neuzeit unbewohnt.
Zur gleichen Zeit zerstörte die katastrophale Sturmflut von 1362 große Teile der Marsch östlich von Poppenbüll, die dann schrittweise erst während des 15. Jahrhunderts zurück gewonnen werden konnten. Diese Entwicklung führte zwischen den ehemaligen Inseln im Norden von Everschop sowie im Westen Eiderstedts zu einer Vielzahl kleiner Köge, die noch immer anhand der Überreste mittelalterlicher Deiche und dem kleinteiligen, aber rechtwinkligen System von Drainagegräben wahrgenommen werden können. Die Reste der ehemaligen Priele blieben als unregelmäßige Gräben in den Marschen der Köge zurück, wie es noch östlich und westlich des St. Johanniskoog und im nördlichen Teil der Südermarsch und Eiderstedts zu sehen ist.
3.2. Frühe Neuzeit
Im späten 15. und das 16. Jahrhundert sah man wesentliche Veränderungen bei den Methoden und Techniken zur Neulandgewinnung. Der Herzog von Schleswig übernahm nun die Initiative für neue Köge, führte dazu Siedler aus den heutigen Niederlanden ein und veräußerte das künftige Land an private Geldgeber. Die Köge wurden daher von Beginn an zunehmend geplant. Dies reflektieren heute ihre geradenDeichlinien und ihre verstärkt rechtwinklige, innere Struktur von großen Gewannen mit gleichmäßig angeordneten einzelnen Höfen, wie etwa im Altaugustenkoog. Allerdings füllten diese neuen Köge lediglich die Buchten, die von den Prielen übrig blieben, welche die früheren Inseln, etwa südöstlich von Utholm und zwischen Eiderstedt und der Festlandgeest, trennten. Durch andere, wie der Adolfskoog oder Sieversfleetherkoog, gewann man Land zurück, welches zuvor durch Sturmfluten verloren gegangen war. Diese Köge erreichten allerdings niemals die Perfektion der systematischen Anordnung von Höfen und Feldern, wie sie typisch für die oktroyierten Köge etwa in der Nordergosharde sind.
Der Altaugustenkoog, eine geplanter, oktroyierter Koog aus dem 17. Jahrhundert.
Der herzogliche Einfluss kann am besten durch das Herrenhaus von Hoyersworth sichtbar gemacht werden, das im 16. Jahrhundert für einen herzoglichen Vogt erbaut wurde. Vom herzoglichen Schloss in Tönning, das bereits im 18. Jahrhundert abgerissen wurde, ist jedoch nur noch der Park erhalten geblieben. Die eingewanderten Niederländer halfen, ein Drainagesystem aus geraden Gräben und niedrigen Dämmen zu errichten, welche die verschiedenen Entwässerungsgebiete teilten (Sietwenden, z.B. südlich von Garding). Künstliche Kanäle (Bootsfahrten) vereinfachten den Transport erheblich. Die Süderbootsfahrt, die Garding und Katingsiel verbindet, ist einer dieser Wasserwege. Der Vorgänger des neuen Bauernhaustypus des Haubarg, der heute als typisch für Eiderstedt gilt, kam ebenfalls aus den Niederlanden. Diese Zentralständerbauten mit viel Platz im Inneren für Getreide und Tiere waren für die Viehzucht, der Haupteinkommensquelle Eiderstedts, ideal geeignet, aber auch für den Ackerbau praktisch. Die frühesten erhaltenen Beispiele stammen vom Anfang des 17. Jahrhunderts. Besonders repräsentativ ist der herzogliche Rote Haubarg im Adolfskoog, der einige Jahrzehnte später erbaut wurde, und der Rosenhof in Westerhever aus dem 18. Jahrhundert, an den auch ein Park mit künstlicher Ruine angeschlossen ist.
Der repräsentative, herzogliche Rote Haubarg im Adolfskoog, erbaut in der Mitte des 17. Jahrhunderts.
Anfang des 17. Jahrhunderts wurden den die Dörfern Tönning und Garding das Stadtrecht verliehen, nachdem sie aufgrund ihrer zentralen Rolle im Handel mit regionalem Getreide und Milchprodukten erheblich angewachsen waren. Der Hafen in Tönning, erbaut 1612, ist bis heute der einzige echte Hafen in der Region. Die Kombination aus verbesserter Drainage, steigendem Ertrag sowie erforderlichem Transport auf den Kanälen brachte beachtlichen Wohlstand in die Region. Dieser zeigt sich am besten in den repräsentativen Haubargen mit ihren Gärten. Im Nordosten der Eiderstedter Halbinsel zerstörte eine Folge von Sturmfluten im 17. Jahrhundert die Gemeinde Lundenbergharde, deren Gebiet in den darauf folgenden Jahrhunderten erst allmählich wieder gewonnen wurde. Imposante Wehlen, tiefe Teiche als Folge von Deichbrüchen, sind immer noch am Porrendeich sichtbar. Viele Gebäude wurden zudem in einer Folge von Kriegen des 17. und 18. Jahrhunderts, an deren Beginn der Dreißigjährige Krieg stand, zerstört.
3.3 Neuzeit
Im 19. Jahrhundert wurde nur durch einige wenige neue Köge Neuland in Eiderstedt gewonnen. Der Wilhelminenkoog südöstlich von Utholm beispielsweise schloss weiter die Bucht, die vom ehemaligen Tief Südhever stammte. Das System von rechtwinkligen Gräben und Straßen aus den zwei früheren Jahrhunderten wurde für das neu gewonnene Land weiterentwicklet. Beginnend mit einer Erweiterung des Straßensystems wurde nach 1840 die Erreichbarkeit auf dem Land innerhalb und nach Eiderstedt verbessert,. Die erste Eisenbahn von Flensburg nach Tönning gab es ab der Mitte des Jahrhunderts. Die Eröffnung des damaligen Kaiser-Wilhelm-Kanals (heute Nord-Ostsee-Kanal) in Süderdithmarschen und ein Verbot des Viehhandels nach England gegen Ende des 19. Jahrhunderts führte zu einem Niedergang Tönnings als dem wichtigsten Hafen Eiderstedts. Viehzucht, aber auch Ackerbau hatten einen Höhepunkt in den vorhergehenden Jahrzehnten erreicht. Dies förderte den Bau einer Vielzahl neuer Bauernhäuser mit frei stehenden Ställen und flacher geneigten Zinndächern, die auf diese Art bis in die 1960er Jahre erbaut wurden, während man viele der alten Haubarge abriss. Als Windschutz pflanzte man Bäume in größerer Anzahl um Höfe und entlang von Straßen erst ab dem 19. Jahrhunderts an.
Der Tourismus fasste in Eiderstedt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Fuß, nachdem in St. Peter, aufgrund der exzellenten Lage hinter einer Sandbank und Dünen, ein Heilband eröffnet wurde. Am Anfang wurden nur wenige neue Gebäude, wie ein Hotel auf den Dünen, errichtet. Der Bereich zwischen dem heutigen Deich und den Dünen war immer noch Feuchtland, während die vor der Küste gelegene Sandbank nur mittels Boot erreicht werden konnten, bis in den 1920er Jahren eine Brücke erbaut wurde. Im frühen 20. Jahrhundert errichtete man erste Ständerbauten auf der Sandbank. Das Dorf St. Peter wuchs schließlich v. a. an nachdem es in den 1930er Jahren an das Eisenbahnsystem angebunden worden war.
Der Blick auf Westerhever über die Tümlauer Bucht.
Im 20. Jahrhundert und besonders im Zuge eines Programms der nationalsozialistischen Regierung in den 30er Jahren wurden wieder neue Köge gewonnen. Neue Marschgebiete wie etwa im Norderheverkoog und im Tümlauer Koog zeigen eine typische Anlage aus großen, rechteckigen Parzellen entlang einer Hauptsraße, an der die einzelnen Höfen liegen. Der Finkhaushalligkoog im Nordosten schloss dabei zwei kleine, unbewohnte Halligen ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nur noch wenig Neuland gewonnen. Im Zuge eines Küstenschutzprogramms in den 1960er und 1970er Jahren verstärkte man die Außendeiche und schützte die Eider mit einem großen Sperrwerk vor Sturmfluten. Die dahinter liegenden Flussmarschen wurden kurz darauf zum großen Teil eingedeicht, werden heute jedoch fast ausschließlich für den Naturschutz genutzt, wie es ab dieser Zeit üblicher wurde. St. Peter hat seit dieser Zeit viel von seiner historische Dorfstruktur durch die Ausdehnung von Neubaugebieten und den Bau mehrstöckiger Gebäude verloren und verschmolz mit umliegenden Dörfern wie Ording im Norden.
Das Eidersperrwerk.
4.1. Landnutzung
Die Region ist strukturschwach und ist immer noch im hohen Maße auf die Landwirtschaft angewiesen. Der Großteil des landwirtschaftlich genutzten Fläche ist Weideland mit noch heute zu großem Teil bestehenden alten Feldsystemen und Feldeinteilungen. Trotzdem nimmt die ackerbauliche Nutzung des Bodens zu. Nur einige wenige Schutzgebiete existieren, was auf den traditionell starken Widerstand der Region gegen die meisten Naturschutzmaßnahmen zurückzuführen ist. Aktuelle Streitpunkte sind die Forderungen aufgrund einer EU-Regelung, FFH-Gebiete (Flora-Fauna-Habitate) und Vogelschutzgebiete auszuweisen. Die Regionalplanung jedoch sieht einen Großteil der Landschaft Eiderstedts als wichtig für die nachhaltige Umweltentwicklung und empfielt eine verstärkte Flächenstilllegung und Umwandlung von einem Großteil der niedrigen und feuchten Marschen um ehemalige Priele in Biotope. Salzmarschen und Wattflächen, die die Halbinsel umgeben, gehören zum Nationalpark Wattenmeer, in dem grundsätzlich eine natürliche Landschaft ohne menschliche Eingriffe anstrebt ist.
4.2 Siedlungsentwicklung
Nur einige Orte und Städte weisen größere Neubaugebiete in ihrer Peripherie auf, wie bei Tating und Garding. Die Besiedlung auf den Dorfwarften von St. Peter und Tönning hat sich weit über ihre ehemaligen Grenzen hinaus ausgebreitet. Auch bei Straßendörfern wie Oldenswort und Witzwort verwischt die originale, langgestreckte Struktur und der Ort wird konzentriert sich zunehmend um ein Zentrum. Garding und Tönning haben zentrale Funktionen und können daher weitere Gebiete für neue Bebauungen freigeben. St. Peter-Ording ist das Tourismuszentrum für Eiderstedt und passt sich mit seinen Einrichtungen den aktuellen touristischen Bedürfnissen an. St. Peter-Ording plant den öffentlichen Nahverkehr und vor allem die Fahrradwege entlang des Strandes zu fördern. Der Tourismus in Eiderstedt ist vor allem in und um St. Peter-Ording wirtschaftlich bedeutend, wo er mehr als 50 % Anteil am Einkommen hat. Das Gleiche gilt für Tönning, wo das Multimar, ein touristisches Informationszentrum über das Wattenmeer, eine große Zahl von Besuchern anzieht. Andere, lokale Museen sind der Rote Haubarg und ein Museum in St. Peter-Ording.
4.3 Industrie und Energie
Eiderstedt hat fast keine Windkraftanlagen, bis auf die Region zwischen Uelvesbüll und Witzwort, wo eine Erweiterung der bestehenden Anlagen zudem möglich ist. Drei größere Industrieunternehmen haben ihren Sitz in Tönning.
4.4 Infrastruktur
Die Halbinsel wird von einem Netz aus kleinen Straßen durchzogen. Zwei Bundesstraßen verlaufen durch die Halbinsel. Die Bundestraße 5 schneidet Eiderstedt im Osten und verbindet Husum mit Hamburg und Tondern, Die Ost-West verlaufende Bundesstraße 202 verbindet Tönning mit St. Peter-Ording. Für die Nord-Süd-Route ist eine Verbreiterung auf vier Spuren geplant. Umgehungsstraßen für die B 202 sind für Garding und v.a. Tating geplant. In der Nähe von St. Peter-Ording befindet sich ein kleiner Flugplatz.
Die Regionalplanung betrachtet Eiderstedt als wichtige Kulturlandschaft mit einer Vielzahl von schützenswerten Elementen. Besonders Oldenswort wird als eine historisch wichtige Siedlung angesehen. Ein Naturerlebnisraum wird vorgeschlagen. Der Regionalplan gibt eine kurze Beschreibung der Kulturlandschaft und eine Liste historischer Elemente, erwähnt aber nur die Haubarge als wichtige Gebäude ebenso werden nur die nördlichen Landschaftsteile als strukturreiche Landschaft genannt. Es wird allerdings eine Auflistung, Kartierung und Evaluation der historischen Landschaftselemente gefordert. Landschaftsmodelle, die für die Raumplanung etwa im Landschaftsplan genutzt wurden, berücksichtigen kulturelle Aspekte nur in geringem Maße. Alle größeren Wasserwege sind vor weiteren Veränderungen entlang ihrer Läufe geschützt. Die wenigen Naturschutzgebiete, inklusive RAMSAR und Natura 2000 Gebiete, sind auf das Kattinger Watt, auf Teile der Eider und auf die Dünen sowie den Strand von St. Peter-Ording begrenzt. Nur einige Teiche in St. Peter-Ording, die bei der Kleigewinnung entstanden sind, werden als geeignet für Schutzgebiete betrachtet. Das Entwicklungskonzept für den Kreis Nordfriesland erkennt ein Rückgang in der Landwirtschaft und Interessenskonflikte zwischen Landwirtschaft und Naturschutz. Es sieht großes touristisches Potential in der Kulturlandschaft und betrachtet ihre In-Wert-Setzung als Ausgangspunkt für weitere Maßnahmen.
Kulturelle und insbesondere kulturlandschafliche Aspekte sind bisher nicht ausreichend in der laufenden Umweltverträglichkeitsprüfung für den Ausbau der Bundesstraße nach Tönning berücksichtigt worden. Bei der Renaturierung von Wasserläufen, wie von der Wasserrahmenrichtlinie gefordert wird, fehlte bislang die angemessene Einbindung von Themen, die die historische Landschaft betreffen, während die Integration archäologischer Aspekte im Gespräch ist. Gegenwärtige Pläne zu den Vogelschutzgebieten im zentralen Eiderstedt umfassen kaum kulturlandschaftliche Aspekte. Die wachsende intensiv-landwirtschaftliche Nutzung gefährdet die alten, kleinmaßstäblichen Drainagesysteme und die Grüppenstrukturen der Weiden. Heutzutage wird es zunehmend schwieriger, Grüppen als ein originäres System von parallelen Gräben und Aufwölbungen wiederzuerkennen, da, wohl aufgrund einer verbesserten umfassenden Drainagesituation, die Gräben häufig verlanden. Einige historische Landschaftselemente im Nationalpark Wattenmeer könnten gefährdet sein, wenn versucht wird eine rein natürliche Umgebung zu schaffen.
Die historische Landschaft und v. a. Strukturen wie das Drainagesystem, Deichlinien und Siedlungsformen sind insgesamt außergewöhnlich gut erhalten,. Alternative Managementstrategien für die Landschaftsentwicklung haben vernünftige Chancen von einem Großteil der Bevölkerung akzeptiert zu werden, so lange sie nicht auf Vorschriften- und Schutzordnungen basieren und auch die Schwierigkeiten v. a. des Naturschutzes berücksichtigen. Die gegenwärtigen Regionalentwicklungspläne erkennen die Bedeutung des kulturellen Erbes und der Kulturlandschaft für die lokale Entwicklung an. Jedoch muss diese Erkenntnis noch stärker realisiert und in praktisches Handeln umgesetzt werden.
Allgemeine Literatur:
Bantelmann, Panten, Kuschert, Steensen. Geschichte Nordfrieslands. (Heide 1995)
Bantelmann. Nordfriesland in vorgeschichtlicher Zeit. (Bräist/Bredstedt 2003)
Beseler, Kunst-Topographie Schleswig-Holstein. (Neumünster 1969)
Braun, Strehl (Hg.), Langhaus und Winkelbau. Uthlandfriesische Bauformen im 18. und 19. Jahrhundert. (Bredstedt 1989)
Fahrenkrug et. al. Regionales Entwicklungskonzept Nordfriesland (unveröffentlicht, 2003)
Gemeinsames Wattenmeer Sekretariat (Hg.). Das Wattenmeer. (Stuttgart 2005)
Innenministerium des Landes Schleswig-Holstein (Hg.). Regionalplan für den Planungsraum V, Fortschreibung. (Kiel 2004)
Kunz, Panten. Die Köge Nordfrieslands. (Bredstedt 1997).
Meier. Landschaftsentwicklung und Siedlungsgeschichte des Eiderstedter und Dithmarscher Küstengebietes als Teilregionen des Nordseeküstenraumes (Bonn 2001)
Meier, Die Nordseeküste, Geschichte einer Landschaft (Heide 2006)
Ministerium für Umwelt, Natur und Forsten des Landes Schleswig-Holstein (Hg.). Landschaftsrahmenplan für den Planungsraum V. (Kiel 2002)
Steensen (Hg.). Das große Nordfrieslandbuch. (Hamburg 2000)
Vollmer, et. al. (Hg.). Landscape and Cultural Heritage in the WaddenSea Region – Project Report. WaddenSea Ecosystem No. 12. CommonWaddenSea Secretariat. (Wilhelmshaven 2001)
Karten:
Archaeological monument record of Schleswig-Holstein and gis mapping
Lancewad data base and gis maps
Royal Prussian ordnance survey of 1879
Map of H. du Plat of 1804/05
Map of J. Mejer, 1648
Stand: 7.1.08
Fotos © ALSH, Karten © LVermA-SH













